Leben mit Blindenführhund

Für die voraussehbare Zukunft bilde ich keine Assistenzhunde aus. Zur Zeit konzentriere ich mich auf meine akademische Laufbahn und Forschungsprojekte. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Zu Anfang gleich das wichtigste:

Was spricht für einen Blindenführhund? Ist es wirklich das Richtige für mich? Warum brauche ich einen Blindenführhund, wenn ich auch mit Stock laufen kann?

Jeder, der sich einen Blindenführhund wünscht, sollte sich ausführlich Zeit nehmen, um die Vor- und Nachteile genau zu verstehen. Ein Blindenführhund ist ja schließlich nicht nur ein Hilfsmittel, sondern auch ein Lebewesen, und die Loyalität, die er Ihnen entgegenbringen wird, muss auch von Ihnen erwidert werden – „in guten wie in schlechten Zeiten”, wie man so schön sagt!

 Zunächst einmal zu den Vorteilen:

 Was kann ein Blindenführhund, was ein Blindenstock nicht kann?

Bevor die Krankenkasse für einen Blindenführhund grünes Licht gibt, müssen Sie ein Mobilitätstraining absolviert haben: Sie müssen sich also auf jeden Fall auch mit dem Blindenstock orientieren und fortbewegen können.

Sich mit einem Blindenstock außer Haus zu begeben, erfordert langsame, tastende Schritte.

Es ist auch alles andere als einfach, genau zu verstehen, was den Weg verstellt, und wie man richtig mit der Situation umgeht. Oft kann das sogar recht gefährlich sein.

Ein Blindenstock kann ja Hindernisse nur anzeigen, wenn man schon direkt vor ihnen steht. Dann weiß man aber immer noch nicht, um was es sich genau handelt, oder wie man am besten mit dem Problem umgeht.

Es kommt auch sehr leicht vor, dass man aus Versehen über flache Bordsteine läuft, ohne es zu merken. Das ist natürlich eine große Gefahr, weil es dazu führt, dass man sich im fließenden Verkehr wiederfindet.

Ein Blindenstock schützt auch nicht vor Höhenhindernissen wie Ästen, Schranken, oder zum Beispiel Dekorationsobjekten, die vor einem Laden aufgehängt wurde.

Selbst wenn man auf einem Weg läuft, den man gut kennt, kann da mal ein Fahrrad im Weg stehen, oder man wird aus Versehen angerempelt von jemandem, der den Blindenstock übersieht, oder ein anderes unerwartetes Problem tritt auf.

Mit einem Führhund hat das Zögern und Zagen ein Ende. An Hindernissen führt er Sie flüssig und im sicheren Abstand vorbei – Sie werden oft gar nicht bemerken, dass es da ein Problem gab.

Mit einem Blindenführhund laufen Sie selbst durch dichte Menschenmengen mit der Sicherheit eines Sehenden, und Ihr Hund passt sich dabei dem Tempo an, dass Sie anschlagen.

Die starke Bindung zwischen Blindenführhund und Führhundhalter überrascht mich immer wieder, und es ist unbeschreiblich schön, miterleben zu dürfen, wie diese Partnerschaft das Leben des sehbehinderten oder blinden Klienten verbessert.

So ging es mir zum Beispiel in der ersten Woche der Einweisung einer von mir ausgebildeten Labradorhündin. Alles lief wie geplant und wir übten fleißig Straßenüberquerungen und rechts und links abbiegen. Mein Klient, ein Erstführhundhalter, blieb plötzlich stehen und atmete tief durch. Als ich ihn fragte, was denn passiert sei, antwortete er:

„Das ist wie einen Ferrari zu fahren! Ich kann wieder so schnell und sicher laufen wie früher, als Kind, vor dieser Sehbehinderung. Ich habe überall Gänsehaut …”

Kommentare wie diese höre ich oft, wenn ich meine Klienten einweise, und sie bedeuten mir natürlich sehr viel.

Unsere Blindenführhunde lernen, Sie sicher an Baustellen vorbei und um Hindernisse herum zu führen. Ein Ich-führ-Dich-Blindenhund lernt sogar, offene Ausfahrten anzuzeigen! Das ist eine zusätzliche Leistung, die ich wichtig finde, da aus einer offenen Ausfahrt schon mal unerwartet ein Auto oder ein spielendes Kind auf den Bürgersteig herauskommen könnten.

Abgründe, Straßenverkehr, Treppen, Schieben am Führbügel ohne den dazu passenden Befehl – für all diese Situation hat Ihr Hund gelernt, richtig zu handeln.

Nimmt er eine Gefahr wahr, bleibt er stehen oder stellt sich sogar vor Sie, um Sie am Weitergehen zu hindern und sie zu beschützen.

Egal, ob an einer Baustelle, am Bahnhof, in der Stadt oder in der Natur: Ihr Hund wird jeden Abgrund verweigern, indem er nicht weiter läuft. Geben Sie den Befehl „Weiter” heißt das für Ihren Hund, dass er Sie durch eine Rechtswendung sicher von der Gefahrenstelle wegführt.

Gut ausgebildete Blindenführhunde weigern sich auch, die Zone vor Rolltreppen oder die Sicherheitszone am Zuggleis zu betreten.

Während alle anderen Hundeausbildungen auf hundertprozentigen Gehorsam zum Ziel haben, lernt der Blindenhund darüber hinaus, einen Befehl zu verweigern, wenn der Blinde eine Situation eventuell falsch einschätzt.

Dieser Trainingsschritt, „Intelligenter Ungehorsam” genannt, zeigt, dass der Hund den Sinn des Führens verstanden hat: dass die Sicherheit seines menschlichen Partners von ihm abhängt, selbst wenn dieser die Situation falsch einschätzt und den falschen Befehl erteilt.

Was nicht weniger wichtig ist:

Mit einem Blindenführhund hat man wieder einen Grund, regelmäßig an die frische Luft zu gehen. Führhundhalter müssen ohne Ausnahme mindestens viermal täglich raus für längere Spazier- und Führgänge … und das bei jedem Wetter! Da gibt es keine Ausreden, und Ihre Gesundheit wird es ihnen danken!

Viele meinen Klienten berichten auch, dass es im Team mit ihrem vierbeinigen Freund viel leichter ist, mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Der Hund verbindet Menschen. Man wird mehr wahrgenommen und hat vielfache Möglichkeiten zu Gesprächen, die sich sonst nicht ergäben.

Obwohl ich mit meinen Klienten nur drei Wochen zusammenarbeite, ist diese kurze Zeit schon genug, um oft dramatische Veränderungen an meinen Klienten zu beobachten. Für viele ist der Hund der Schlüssel zu einem Leben außerhalb der eigenen vier Wände.

Ein Hund hilft oft, ein aktives, unabhängiges Leben, vielleicht auch mit neuen beruflichen Möglichkeiten, zu führen. Er verhütet Isolation und steht Ihnen immer unterstützend zur Seite.

Jedes Gramm Zuneigung erwidert er mit einem Kilo Freundschaft, Loyalität und Dienstbereitschaft.

Hunde lieben es, sich „ihrem” Menschen anzuschließen, und wenn sie das tun, ist es bedingungslos.

Sie helfen gerne und mit Stolz, denn eine Aufgabe zu haben und von seinem Menschen wertgeschätzt zu werden, ist das Größte für einen Hund.

 Nun, da ich die Vorteile von einem Blindenführhund beschrieben habe, hier ein paar Worte, was sie NICHT sind:

Blindenführhunde sind nicht Lassie. Text entfernt .

Sie sind keine Wundertiere, die Zusammenhänge verstehen, für die sie nicht ausgebildet sind.

Sie sind keine Schutzengel.

Sie sind nicht perfekt.

Sie sind keine Maschinen, die auf Knopfdruck an- und abgestellt werden können.

Sie können uns keine Entscheidungen abnehmen (zum Beispiel, ob es sicher ist, eine Straße zu überqueren).

Sie brauchen eine enge Beziehung zu uns, viel Zuneigung und Lob sowie auch Ermahnung, wenn sie ihr Training vergessen.

Man muss so Einiges lernen als neuer Führhundhalter, und die Einweisung braucht für etwa drei Wochen Ihre volle Aufmerksamkeit und Energie.

Das Lernen und Trainieren geht aber darüber hinaus immer weiter – im Team entwickelt man sich entweder weiter oder man fällt zurück.

Ihr Hund ist für Sie da, und Sie müssen für Ihren Hund da sein.Sie müssen ihn pflegen, füttern, und gesund erhalten.

Zwar bilde ich auch Pudel als Allergikerhunde aus, aber alle Hunde haaren, die einen mehr, die anderen weniger. Alle Hunde bringen einen Eigengeruch und Dreck mit in die Wohnung, können krank werden oder mal zur Last fallen

Sie müssen ihrem Hund Aufmerksamkeit schenken, ihn Gassi führen und ihm mindestens eine Stunde am Tag Freilauf geben, damit er spielen und mit anderen Hunden zusammensein kann. Das ist extrem wichtig für die Gesundheit des Hundes, darum üben wir zusammen immer wieder Hundepflege, Training und Freilauf

Wenn Sie klar verstehen, was Ihr Hund kann und braucht, werden Sie bald zu einem harmonischen Team zusammenwachsen. Es öffnen sich Ihnen dadurch neue Wege und eine Partnerschaft, die Ihr Leben grundlegend bereichern wird.

 Hier zum Abschluss noch einmal die wichtigsten Vorteile in Stichworten.

– Mit einem Hund sind Sie mobil und unabhängig.

– Er schützt Sie vor unerwarteten oder schwer ertastbaren Gefahrenstellen.
– Sie bewegen sich fließend und wesentlich schneller, als dies mit einem Stock oder menschlichen Partner möglich wäre.

– Mit dem Hund an der Seite fühlen Sie sich nicht mehr hilflos.

– Sie können wieder spontan sein!

– Sie sind nicht mehr von Anderen abhängig und müssen nicht befürchten, zur Last zu fallen.

– Für viele ermöglicht ein Blindenführhund Berufstätigkeit und aktive Teilnahme am Leben.

– Sie verlassen regelmäßig mehrmals am Tag für Spaziergänge das Haus, und Ihre Gesundheit dankt es Ihnen!

– Sie kommen viel leichter mit Menschen ins Gespräch, und kennen schon bald alle Hundefreunde in Ihrer Nachbarschaft.

– Auch wenn es einem einmal nicht so gut geht, und man von Problemen überwältigt ist, gibt es dafür kaum eine bessere Medizin als ein liebevoller Stupser von einer vertrauten Hundenase.

 Vielleicht habe ich mit dieser kurzen Beschreibung Ihr Interesse geweckt. Wollen Sie besprechen, ob ein Hund für Ihre persönlichen Umstände passend ist oder sollte noch etwas unklar sein, stehe ich jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung und freue mich über Ihren Anruf oder Ihre E-Mail.

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